Marco Krasser hat mit der kleinen Gemeinde Wunsiedel europaweit Maßstäbe für eine zukunftsweisende Energieversorgung gesetzt. Ein Beispiel das Hoffnung gibt und Entscheider begeistert.
„Wenn man von einem Weg überzeugt ist, muss man ihn auch gehen und andere mitnehmen“, sagt Marco Krasser. Das hat er getan und europaweit Maßstäbe gesetzt für eine regionale, ganzheitliche und regenerative Energieversorgung. Heute führt der Wegbereiter des bekannten WUNsiedler Wegs , regelmäßig ausländische Delegationen durch das beschauliche Wunsiedel in Oberfranken. Und er arbeitet in Kooperationsprojekten mit Siemens.
Wenn Marco Krasser über die Täler Wunsiedels blickt, sieht er eine malerische Landschaft mit grünen Wiesen, blühenden Blumen. Außerdem einen Solarpark und ein Satelliten Heizkraftwerk mit natürlicher Holzverkleidung, die sich in die Landschaft schmiegen. „Wir müssen die Ressourcen für unsere Energieversorgung nutzen, die vor Ort zur Verfügung stehen, anstatt Öl durch die ganze Welt zu transportieren“, sagt der Geschäftsführer der SWW Wunsiedel GmbH überzeugt und: „dass die eine Erde, die wir haben, es wert ist, geschützt zu werden“.
„Viele Stadtmenschen haben heute das Gefühl für ihre Umwelt und Bedürfnisse verloren“, meint Krasser. Vielleicht kommen deshalb Delegationen aus der Großstadt nach Wunsiedel, um sich erklären zu lassen, welche natürlichen Möglichkeiten der lokalen und regenerativen Energieversorgung es gibt. Auf jeden Fall erleben sie eine beispielhafte Verzahnung unterschiedlicher Energiequellen und sehen, wie man es schaffen kann, alleine mit Sonne, Wind, Holz und Biomasse aus der Region den Raum Wunsiedel komplett mit Strom und Wärme zu versorgen.
„Es ist wichtig, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen“

„Unser erstes Projekt vor rund 15 Jahren war der Solarpark“, erzählt Krasser. Er wurde von den Banken kritisch betrachtet. Doch der Geschäftsführer setzte ihn trotzdem um und mit dem Solarpark begann die konsequente Förderung alternativer Energien. Bereits damals setzte Krasser auf die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. So war es auch bei den meisten Windenergieanlagen. Jeder sollte sich in der strukturschwachen Region eine Beteiligung leisten können. Deshalb bestand er darauf, Beteiligungen ab 500 Euro statt 5000 Euro zu ermöglichen. Heute profitieren die Bürger von den Zinsen. Auf diese Weise erreichte er nicht nur eine wirtschaftliche Finanzierung, sondern auch Akzeptanz der Menschen und einen hohen Nutzen für die Region. „Wichtige Veränderungen für die Region können wir nur gemeinsam mit Experten, Entscheidungsträgern und den Bürgerinnen und Bürgern erreichen“, ist der Geschäftsführer überzeugt.
Wer nicht ab und zu scheitert, lernt auch nichts
Energie aus der Region für die Region: Auf dieser Grundlage basiert die Verbindung der Strom- und Wärmeerzeugung aus alternativen Energiequellen. Ein wichtiges und sehr erfolgreiches Glied in der Kette ist das moderne Biomasse-Heizkraftwerk. Aus Hackschnitzeln werden hier Wärme und Strom gewonnen. Die erzeugte Wärme wird für die Pellet-Produktion aus Holzspänen genutzt.
„Sehen Sie, das ist unser neues Gold“, sagt Marco Krasser und zeigt die Pellets, die in großen Bergen in den Hallen lagern, bevor sie verpackt oder verladen und an Kunden vor Ort und in der ganzen Welt verkauft werden. Was heute so perfekt und wirtschaftlich rentabel ineinandergreift, ist das Ergebnis eines langen Prozesses und mehrerer gescheiterter Versuche. Zunächst experimentierte man mit Holzschnitzeln um die Holzvergasung zu realisieren. „Irgendwann war uns klar, so funktioniert es nicht“, erzählt der Geschäftsführer. „Aber wir wussten, welche Eigenschaften die Materialien idealerweise besitzen mussten und kamen darauf, Pellets herzustellen.“
„Wenn man nicht scheitert, lernt man auch nichts“, sagt Krasser. Erfolg sei auch eine Frage der Denkweise. „Wir dürfen nicht in Silos denken“, ist er überzeugt, „stattdessen lösungsorientiert, sektorübergreifend und vernetzt“.
„Ich wollte niemals nur verwalten“

Eine Region, die sich notfalls selbst versorgen kann. Davon träumen viele und Wunsiedel hat es erreicht. Das Ziel dabei ist jedoch nicht, isoliert sein eigenes Ding zu machen, sondern ein wertvoller und gut strukturierter Teil des gesamten Systems zu sein. „Die kleinste Einheit muss die Fähigkeit besitzen sich über eine gewisse Zeit selbst zu versorgen, gut vernetzt sein und nur nach oben delegieren, was allein nicht lösbar ist.“ Dies ist ein wesentlicher Grundgedanke von Marco Krassers Zukunftskonzept. So betrachtet er eine optimale Energieversorgung und eine funktionierende Demokratie.
Bereits in seiner Diplomarbeit programmierte und digitalisierte der Elektroingenieur die Wasserversorgung nach diesem Prinzip für die Wunsiedler Stadtwerke. 1999 bekam er dort seinen ersten Vertrag. Danach folgte ein steiler Aufstieg. Bereits 2001 war er Geschäftsführer der mittlerweile in die Rechtsform einer GmbH umgewandelten SWW Wunsiedel GmbH . „Ich habe mich quasi aus dem Keller nach oben gearbeitet“, sagt er. Die Umgründung war sein Glücksfall. „Ich wollte niemals nur verwalten“. Stattdessen hat der Geschäftsführer gestaltet und als erfolgreicher Unternehmer agiert.
In den letzten Jahren hat er, gemeinsam mit seinem Team, Projektpartnern und Politikern das Zukunftskonzept für Strom und Wärme konsequent Schritt für Schritt umgesetzt. Auf dem Weg dorthin sind mehrere eigenständige Unternehmen entstanden, alle unter dem Dach der SWW Wunsiedel GmbH. Neben dem Solarpark, die WUNelektro, WUNsolar, WUNbioenergie sowie die GasVersorgung Wunsiedel und die WUN pellets
„Voraussetzung für den WUNsiedler Weg war Grundvertrauen in Politik, Umwelt, Mitmenschen und uns selbst.“
—Marco Krasser, Geschäftsführer SWW Wunsiedel GmbH
Faszinierend dabei ist der Eindruck, dass es Marco Krasser tatsächlich gelungen ist, einen eigenen Weg zu finden und gemeinsam mit vielen Menschen praktisch umzusetzen. Wirtschaftlichkeit, eine eigene Vision und die konsequente Realisierung einer dezentralen und alternativen Energieversorgung machen den WUNsiedler Weg so erfolgreich. 2016 gewann die SWW Wunsiedel GmbH damit den Stadtwerke Award. Damals hatte Wunsiedel bereits die Klimaziele für 2020 erreicht. „Von den etwa 90 Millionen Kilowattstunden Strom im lokalen Stromnetz stammten zwei Drittel aus lokalen Erneuerbare Energien Anlagen, vor allem auf Basis von Wind-, Sonnen- und Bioenergie.“
„Anfang des 21. Jahrhunderts war für die SWW Wunsiedel voller Zukunftssorgen“, steht in Krassers Konzeptpapier zum WUNsiedler Weg: „Doch aus dieser Angst heraus entstand auch der Mut, […] die entstehenden technologischen Chancen zu nutzen und die notwendigen Veränderungen als Herausforderung zu sehen. Voraussetzung dafür war ein gewisses Grundvertrauen in unsere Politik auf allen Ebenen, in unsere Märkte, in unsere Umwelt, in unsere Mitmenschen und natürlich in uns selbst!“